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Ein Interview mit dem Museumsleiter Gerd Schäfer und der Agentur Klein & Neumann

Neue 5 Euro Münze von Klein & Neumann - © Klein & Neumann

Kurz nach seiner Eröffnung wurde das Stadtmuseum Iserlohn im Jahr 1989 für die Umsetzung seines Konzeptes „Geschichte erlebbar machen“ ausgezeichnet.

Neue Wege zu gehen, das war und ist für Museumsleiter Gerd Schäfer Programm und das tut er nicht allein.

Seit mehr als elf Jahren kooperiert das Stadtmuseum Iserlohn inzwischen mit den Iserlohner KommunikationsDesignern Stefan Klein und Olaf Neumann.

Die Liste der Auszeichnungen, die sie inzwischen erhielten, ist zu lang, um sie hier wiederzugeben. Bundesweit bekannt mögen sie spätestens 2016 geworden sein als Designer der neuen 5-Euro-Münze.

5 Euro Münze made in Iserlohn
Tatort Stinkender Haufen - © Klein & Neumann
Tatort Wertvolle Moneten - © Kelin & Neumann

Für das Stadtmuseum Iserlohn sind sie die Partner, mit denen Gerd Schäfer gerne neue Wege begeht. Erst im Frühjahr 2017 erregte eine gemeinsame Aktion zur Neueröffnung des Stadtmuseums – grundsaniert, renoviert und vor allem „frisch geliftet“ – in Iserlohn große Aufmerksamkeit. Überall in der Innenstadt konnte einem plötzlich Geschichte begegnen … als wahllos verstreute Münzen (ein Raubüberfall?), ein mit Flatterband abgesicherter Blutfleck (ein Verbrechen?), ein Riesenhaufen Scheiße mitten in der Fußgängerzone (etwa von einem Dinosaurier?)

Alle Tatorte hatten etwas gemeinsam: Die Lösung wartete – so versprachen kleine Hinweistafeln – im Stadtmuseum.

Tatort Stinkender Haufen - © Klein & Neumann

Frage an Klein & Neumann: Geschichte geht plötzlich auf die Besucher zu, nicht umgekehrt. Steht da nicht mit einem Mal ein altbewährtes Konzept Kopf?

Antwort: Alles entwickelt sich weiter. Neue Zeiten verlangen neue Kommunikationswege. Wir haben mit der Kampagne zur Eröffnung des umgebauten Museums im März 2017 nicht die gesamte Geschichte Iserlohns erzählt, sondern auf kleine historisch bedeutende Ereignisse aufmerksam gemacht und somit im öffentlichen Raum Anregungen geschaffen, die lediglich den Betrachter auffordern sollten, sich weiter mit diesen kleinen Geschichten zu beschäftigen. Die von uns aufgestellten „Tatorte“ – mit originalem Polizeiabsperrband eingegrenzt – sollten die Betrachter anregen, das Stadtmuseum zu besuchen, um sich vor Ort weiter im Detail über die Geschichte zu informieren.

Frage an Gerd Schäfer: In einem Museum wird herkömmlicherweise Altes bewahrt. Dort ist es gut aufgehoben und das Stadtmuseum Iserlohn ist für seine ansprechende Präsentation ausgezeichnet worden. Völlig neue Wege zu gehen, erzeugt ein ungewöhnliches Spannungsfeld. Was versprechen Sie sich davon?

Antwort: Bleiben wir lieber bei dem Begriff „erhoffen“! Ich hoffe auf eine neue oder auch zusätzliche Motivation derjenigen, die bisher der Institution Museum eher desinteressiert gegenüberstehen. Vielleicht springt durch solche außergewöhnlichen Aktionen bei manchen der Funke über und man sagt sich „Schauen wir doch mal vorbei“. Und schaut man dann wirklich vorbei und erkennt, dass das Museum nicht verstaubt und langweilig daherkommt, sich nicht als elitärer Musentempel präsentiert, sondern u. a. als einen Ort der Kommunikation, des Entdeckens und des Begreifens, so ist schon viel gewonnen.

Interviewpartner: v.l.n.r. Stefan Klein, Olaf Neumann, Andrea Reichert, Gerd Schäfer - © Stadtmuseum Iserlohn / Sebastian Blesel

Frage an Klein & Neumann: In den letzten Jahrzehnten hat sich wenig so radikal verändert wie die Kommunikation. Das Tastentelefon wurde vom Handy abgelöst, das Fax von der Email, die Begegnung im real life von den anonymen sozialen Netzwerken. Museen wirken vor diesem Hintergrund wie Relikte aus einer längst vergangenen Zeit. Ist das nicht Fluch und Segen zugleich?

Antwort: In einer zunehmend digitalen Welt entwickelt sich parallel das Bedürfnis Dinge wieder zu erleben, anfassen zu können, Materialität zu spüren. Eben für diese Eindrücke ist der Gang in ein Museum sinnvoll. Die Herausforderung besteht darin, die Menschen aus der digitalen Welt wieder in diese „reale“ Umgebung zu bekommen. Genau aus diesem Grunde sollte die kommunikative Außendarstellung so aufbereitet sein, dass sie die Menschen ins Museum holt. Dabei spielt das Konzept einer Kampagne, die Gestaltung im Detail genauso eine wichtige Rolle, wie die Art und Weise der Medien, auf denen geworben wird. Hier sehen wir im Grunde genau die große Chance, ungewöhnliche Werbeaktionen oder -medien einzusetzen.

Frage an Klein & Neumann: Die Menschen dort abholen, wo sie sind, und die Geschichte erzählbar machen … wie funktioniert das?

Antwort: Der Einsatz klassischer Medien gehört mittlerweile zum Pflichtprogramm. Plakate, Anzeigen oder Handzettel funktionieren auf sachlicher Ebene recht gut. Um aber die Betrachter nachhaltig mit einer Information nach Hause zu schicken, sie zum Schmunzeln, Lachen oder Nachdenken zu bringen, kann man mutigere Wege gehen. Wir haben mit der Kampagne für das Stadtmuseum die Menschen dort abgeholt, wo sie sich aufhalten und vor allem, wo die Geschichte tatsächlich geschehen ist – an den jeweiligen (ungefähren) Tatorten! Da geschah zum Beispiel der Mord an einem hochrangigen Offizier an der Stelle in der Wermingser Straße, an der unsere Werbeaktion einen kleinen Schockeffekt vermittelte. Das künstliche Blut und die Absperrung mit Polizeiband sorgten bei den Fußgängern für Irritation und regten somit zum Nachdenken an und im besten Fall zu einem informativen Gang ins Museum.

Vereinswesen - © Stadtmuseum Iserlohn
Mittelalter - © Stadtmuseum Iserlohn

Frage an Klein & Neumann: In 2018 werden die Projekte recht politisch sein, oder? 85 Jahre Bücherverbrennung und Reichskristallnacht, 100 Jahre Ende des 1. Weltkrieges … Stellen solche Themen die Planer nicht vor ganz besondere Herausforderungen?

Antwort: Es wird sicherlich viele Themen geben, zu denen wir weitere Kampagnenaktionen starten könnten. Die Herausforderung besteht nach wie vor darin, sensibel mit dem jeweiligen Thema umzugehen und sowohl den Aspekt des Neugierigmachens beizubehalten als auch weiterhin einen historisch angemessenen Bezug herzustellen. Mit einem Augenzwinkern zu irritieren, ohne dabei reißerisch zu sein, ist eine Gratwanderung, die auch gerne zu Diskussionen anregen soll. So hat es bei Facebook Hunderte von Einträgen zu der Aktion gegeben, die die Bandbreite der Reaktionen widerspiegelt. Allein diese Übertragung in die sozialen Medien zeigt die Wirkung der Aktion eindrucksvoll.

 

Frage an Klein & Neumann: Geht es also am Ende immer um einen Dialog? Der Dialog eines Gegenstandes mit einem  Betrachter – einer Institution wie einem Museum mit den Besuchern – einer Epoche mit einer anderen?

Antwort: Ein Dialog findet im Grunde fast überall statt. Wenn ich als Fußgänger in der Iserlohner Innenstadt auf eine Werbeaktion treffe, die mich zum Nachdenken bringt, entsteht hier eine gewisse Art von Kommunikation. Wenn ich ein historisches Ausstellungsstück im Museum betrachte, oder einen Objekttext lese, entsteht auch hier immer ein Dialog. Im besten Fall kommt man mit weiteren Museumsbesuchern sogar ins Gespräch!

Frage an Gerd Schäfer: Aus der Geschichte lernen zu können – ist ein Museum DER Ort, an dem dies besonders gut möglich ist?

Antwort: Ja!

Danke für das Gespräch.

Das Interview führte Andrea Reichart

Außenansicht - © Stadtmuseum Iserlohn / Jan R. Schäfer

Stadtmuseum Iserlohn
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58636 Iserlohn
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