Man wird sich sicherlich wundern, wenn man an den Grenzen der Stadt Brilon an einem Junimorgen mitten in der Wildnis einem langen Zug von 3.000 bis 4.000 Männern begegnet, auch weil einige von ihnen bewaffnet sind. Aber es ist alles soweit in Ordnung. Die Herren gehen die Schnade.
Der Schnadegang, das regelmäßige Abgehen der Grenzen (Schnade) einer Stadt, ist eine Jahrhunderte alte Sauerländer Tradition. In zahlreichen Gemeinden versammeln sich dann frühmorgens die männlichen Einwohner und ziehen aus. Doch nirgendwo wird die Schnade schon so lange gegangen wie in Brilon: ununterbrochen seit 1388. „Früher haben die Briloner mit dem Schnadegang überprüft, ob die Grenzsteine noch an Ort und Stelle stehen. Außerdem wurden die Nachbarschaftsverträge bekräftigt und der Jugend gezeigt, wo die Stadtgrenzen liegen“, erklärt Rüdiger Strenger, der Geschäftsführer von Brilon Touristik. Und weil es dabei hin und wieder zu Grenzstreitigkeiten kommen konnte, waren stets die Schützen, die Bürgerwehr der Stadt, mit von der Partie. Bis heute, obgleich sie ihre Wehrtüchtigkeit mittlerweile nicht mehr unter Beweis stellen müssen.
Für eine Stadtumrundung brauchen die Briloner zehn Jahre, was daran liegt, dass sie die Schnade nur alle zwei Jahre gehen – immer auf einem von insgesamt fünf festgeschriebenen Teilstücken, die zwischen 23 und 45 Kilometern lang sind. Dabei geht es über Stock und Stein, denn nicht überall, wo die Grenzen verlaufen, sind auch Wege. Ist die Stadt schließlich umrundet, geht´s wieder von vorne los.
Und warum gehen nur die Herren? „Früher mussten sich die Frauen um das Vieh und die Kinder kümmern, während die Männer unterwegs waren. Sie stoßen erst auf dem Lagerplatz zum Zug. Dort beginnt dann unter Glockengeläut der gemeinsame Einzug in die Stadt“, weiß Strenger. Eine weitere Besonderheit ist das „Stutzäsen“, was übersetzt so viel heißt wie „auf den Stein setzen“. Wer das jeweilige Stück eines Schnadegangs nämlich zum ersten Mal geht, wird von seinen Mitbürgern dreimal mit dem Hintern gegen einen Grenzstein gestoßen und anschließend zärtlich darüber geworfen – „ die Grenze soll sich richtig einprägen“, so Strenger.
Auch als Nicht-Einwohner kann man die Abenteuer eines Schnadegangs miterleben, denn das Brauchtum wird volksfestartig gefeiert und bietet seinen Zuschauern einen unvergleichlichen Einblick in die Sauerländer Volksseele. Der nächste Briloner Schnadegang findet im Juni 2008 statt.











