Die Schützen im Sauerland haben eine weit zurückreichende Geschichte. In den vergangenen Jahrhunderten stellten sie die Bürgerwehr der Dörfer und Städte, beim traditionellen Schnadegang war bewaffnetes Personal obligatorisch. In der Gegenwart verstehen sich die Schützenvereine als Wahrer des Brauchtums und erdverbundener Tradition. Ihre Dachorganisation, der Sauerländer Schützenbund, zählt stolze 160.000 Mitglieder in 345 Vereinen, und das Schützenfest ist eines der Highlights im Veranstaltungskalender einer jeden Gemeinde. Wer hier den berühmten Vogel abschießt, wird Schützenkönig und genießt für ein Jahr herausragendes Prestige. Wir haben mit Gerald Bierbaum gesprochen, dem 49-jährigen König der Arnsberger Bürgerschützen-Gesellschaft.
Redaktion: Herr Bierbaum, der spätere Schützenkönig setzt den entscheidenden Schuss, durch den der Vogel von der Stange fällt. Wird der König vor dem Schießen schon ein bißchen ausgeguckt oder passiert das zufällig?
Gerald Bierbaum: Das passiert oft eher zufällig. Aber je größer ein Verein ist, desto mehr liegt natürlich das Augenmerk auf Personen, die das auch machen wollen. Man kann es also auch ein bißchen steuern. Wir in Arnsberg schießen zum Beispiel in so genannten Salven, das heißt es schießen zehn bis 15 Personen gleichzeitig. Irgendwann fällt der Vogel runter, und der König sollte dann irgendwo unter den Schützen stehen. In meinem Fall war ich mir aber ziemlich sicher, dass ich auch den entscheidend Treffer gelandet hatte.
Ist es schon einmal vorgekommen, dass jemand König wurde, der das Amt gar nicht wollte?
Bei uns in Arnsberg zumindest nicht.
Was sind Ihre Aufgaben in der Gesellschaft?
Ich repräsentiere den Verein für ein Jahr, stelle ihn nach außen hin dar. Ich besuche andere Vereine, nehme Kontakte auf und nehme offizielle Termine wahr, zum Beispiel bei musikalischen oder caritativen Veranstaltungen.
Welchen Stellenwert hat die Gesellschaft in Ihrem Leben?
Weil ich nicht nur König, sondern auch Rendant – also gewissermaßen Geschäftsführer – eines Vereins mit annähernd 2600 Mitgliedern und vier Kompanien bin, muss ich repräsentieren, organisieren und eine Vielzahl von Veranstaltungen besuchen, aber gleichzeitig auch das Finanzielle im Auge behalten. Der Verein hat daher einen sehr hohen Stellenwert in meinem Leben. Aber König zu sein, ja, das ist eine Ehre.
Was organisiert denn ein König außer dem alljährlichen Schützenfest?
Wir organisieren und pflegen neben regelmäßigen Schießen auch Veranstaltungen, die aus dem Brauchtum kommen.
Was meinen Sie mit Brauchtums-Veranstaltungen?
In Arnsberg haben wir zum Beispiel die jährliche Brandprozession am ersten Sonntag nach dem Schützenfest, zu der auch andere Schützenvereine aus der Gegend kommen, um sie mit uns zu begehen. Sie bezieht sich auf einen großen Brand in Arnsberg im Jahre 1600, der alle Dokumente und Urkunden vernichtet hat, die hätten belegen können wie alt unser Verein tatsächlich ist. Wir wissen gesichert daher nur, dass unser Verein im Jahr 1608 gegründet wurde. Mit der Brandprozession begehen wir also auch immer unseren Geburtstag. Das Schützenfest ist ebenfalls ein Brauchtumsfest, das lebendige Geschichte verkörpert.
Wie wichtig ist für Sie persönlich ein Brauchtum?
Es ist wichtig, ein Brauchtum zu pflegen und aufrecht zu erhalten. Viele Menschen kommen durch das Brauchtum immer wieder zusammen oder sehen sich wieder. Beispielsweise das Schützenfest sehe ich aber nicht allein als Veranstaltung für uns, sondern wir wollen auch Auswärtigen und Gästen etwas bieten. Brauchtum und Sitte sind schön, wir müssen uns aber auch bewegen.
Was bieten Sie denn bei Ihrem Schützenfest – abgesehen davon, dass der Vogel abgeschossen wird?
Vom Ablauf her ist es ein dreitägiges Fest, das immer gleich geblieben ist in den letzten 400 Jahren. Dazu haben wir am Samstagabend eine Veranstaltung mit einer tollen Band, die mittlerweile Jugendliche aus der ganzen Region anlockt. Da wird richtig abgefeiert. Am Sonntagmorgen gibt es ein Königinnenkonzert, wo mehr klassische Musik auf dem Programm steht. Und dann haben wir natürlich noch an jedem der drei Tag einen prächtigen Umzug mit unseren Schützen und Kapellen. Hier begrüßen wir unsere Gäste und Zuschauer immer mit dem traditionellen „Horrido!“.
Wie groß muss man sich diese Umzüge vorstellen?
Von unseren 2600 Mitgliedern gehen leider nicht immer alle mit, aber in den Straßen stehen schon immer so drei- bis viertausend Menschen.
Werden Sie jetzt einmal stellvertretend zur Stimme des Sauerlandes. Als Schützenkönig kommen sie viel rum in der Gegend. Welche Bedeutung hat das Brauchtum in der gesamten Region?
Das Brauchtum hat einen sehr hohen Stellenwert. Weil die Möglichkeiten ansonsten im Sauerland eher begrenzt sind. Jugendliche haben zum Beispiel – außer im sportlichen Bereich natürlich – nur wenige Gelegenheiten aktiv zu werden. In Arnsberg haben wir daher einen sehr jungen Hofstaat, in dem junge Menschen Spaß an der Uniform oder den traditionellen weißen Kleidern haben. Sie unterstützen das Königspaar das ganze Jahr über.
Wie stellt sich ein Schützenverein für die Zukunft auf?
Wir versuchen, auch in unseren geschäftsführenden Vorstand junge Leute aufzunehmen. Früher waren das immer die alten, „weisen“ Männer. Heute ist der Alterdurchschnitt dort auf unter 50 gesunken. Dadurch kommen viele neue Ideen in einen traditionell ausgerichteten Verein. Für die Einbeziehung der Jugend ist das wichtig, weil Brauchtum dort nicht immer angesagt ist.
Früher waren die Schützen die Bürgerwehr eines Ortes, die beispielsweise bei Grenzkonflikten...
...es war nicht nur Schießen und Kämpfen. Die Aufgaben der Schützen lagen überall, wo es darum ging, eine Stadt zu beschützen: bei Hochwasser oder bei Bränden. Die Bürgerwehr war also auch der Vorläufer der Feuerwehr.
Welche „Pflichten“ hat ein Schützenverein in den heutigen Gemeinden?
Wir werden viel von anderen Vereinen und Institutionen angesprochen. Ein Beispiel: Bei einer Ausstellung in einem Museum kann es schon einmal passieren, dass wir das eine oder andere Exponat bewachen sollen. Aber nicht mit dem Gewehr, sondern eher um zu repräsentieren. Ich würde sagen, dass Schützenvereine bei uns eine hohe Akzeptanz genießen und es daher auch gerne gesehen wird, wenn wir irgendwo dabei sind.
Ihre achtjährige Tochter ist in Ihrer Gesellschaft ein „Engelchen“, das heißt sie trägt bei der Krönung die Schleppe der Königin. Sie haben aber auch noch einen 14-jährigen Sohn. Wie „cool“ findet denn er seinen Vater als Schützenkönig?
Das ist ein gute Frage! (Lacht) Es hatte schon eine Menge Überredungskünste gekostet, bis er dieses Jahr zum Schützenfest mitgekommen war. Auch die Geschichte mit der Uniform ist nicht so sein Ding. Dennoch glaube ich aber, dass ihm das Fest als solches schließlich ganz gut gefallen hat.
Das nächste Schützenfest der Arnsberger Bürgerschützen-Gesellschaft ist vom 30. Juni bis 2. Juli 2007. Weitere Informationen zu den Sauerländer Schützen gibt es unter www.sauerlaender-schuetzenbund.de.











